Wenn die Preise höher als die Nettolöhne steigen, wird Geld weniger wert. Dieser Kaufkraftverlust fühlt sich für viele wie eine zusätzliche Steuer an, obwohl keine Behörde einen Steuerbescheid verschickt. Es erfordert auch kein Gesetz, keine Ermächtigung und keine punktuelle Diskussion, da der Vorgang schleichend erfolgt. Daher ist der Effekt der so genannten Inflationssteuer bei der Politik so beliebt.
Inflation is taxation without legislation.
Milton Friedman (US-amerikanischer Ökonom)
Als Inflationssteuer wird der inflationsbedingte Kaufkraftverlust bezeichnet, der sich wie eine zusätzliche Steuer auswirkt, formal aber keine Steuer darstellt.
Es gibt in einigen Ländern auch Bestrebungen, diese Form der Inflationssteuer für Steuerzahler auszugleichen, dazu gleich mehr.
Inflationssteuer im ökonomischen Sinn
In der Volkswirtschaftslehre meint Inflationssteuer vor allem einen Effekt: Inflation verringert den realen Wert von Geldbeständen.
Wer Bargeld oder unverzinste Guthaben hält, kann sich nach einem Preisanstieg mit demselben Betrag weniger leisten.
In einem Working Paper der Europäischen Zentralbank wird das zugespitzt formuliert: Inflation sei „effectively a tax on the real value of the currency held by the public“.
Die Logik dahinter ist simpel. Geldhalter tragen einen realen Verlust, ohne dass sie ihn vermeiden können, solange das Geld keine Verzinsung erhält, die den Preisanstieg ausgleicht. Es wirkt wie eine Abgabe, obwohl kein Parlament eine neue Steuer beschließen musste.
Inflationssteuer in Deutschland: kalte Progression
Im öffentlichen Diskurs in Deutschland wird die Inflationssteuer oft als Synonym für kalte Progression benutzt. Dabei bezieht man sich direkt oder indirekt auf den Bereich der Einkommensteuer. Der Mechanismus entsteht, wenn Einkommen nominal steigt, um die Inflation auszugleichen. Wenn gleichzeitig die Preissteigerungen aber die zusätzliche Kaufkraft ausgleichen, man aber formal meher verdient, kann es passieren, dass man im progressiven Steuersystem einen höheren durchschnittlichen Steuersatz zahlt und so tatsächlich an Kaufkraft verliert. Diese Form der kalten Progression wird auch als Inflationssteuer bezeichnet.
Die kalte Progression wirke dabei wie eine heimliche Steuererhöhung.
Rainer Holznagel (Präsident, Bund der Steuerzahler Deutschland)
Steuerausgleich und Prämie: zwei Hebel
Wenn kalte Progression das Problem ist, zielt ein Steuerausgleich typischerweise auf den Tarif selbst. Das Bundesfinanzministerium beschreibt als gängige Praxis, dass der Steuertarif an die Inflation angepasst wird. Konkret nennt das Ministerium für 2025 eine Rechtsverschiebung der Tarif-Eckwerte um 2,6 Prozent und für 2026 um 2 Prozent. Das ist ein struktureller Ausgleich, weil er dauerhaft im Tarif wirkt, statt nur einmalig zu helfen.
Daneben gab es einen sichtbaren, aber zeitlich begrenzten Hebel: die Inflationsausgleichsprämie. Laut Bundesfinanzministerium konnten Arbeitgeber im Zeitraum vom 26. Oktober 2022 bis 31. Dezember 2024 Leistungen bis insgesamt 3.000 Euro steuerfrei gewähren. Diese Prämie war als Sonderleistung gedacht und sollte keine dauerhafte Lohnerhöhung ersetzen.
Damit wird auch klar, warum Prämie und Steuerausgleich unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Eine Prämie kann kurzfristig entlasten, trifft aber nicht automatisch die individuelle Mehrbelastung durch kalte Progression. Genau darauf weist das Bundesfinanzministerium hin, wenn es erklärt, warum Einmalzahlungen kein korrekter Ersatz für tarifliche Korrekturen sind.
Fazit zur Inflationssteuer
Inflationssteuer ist ein Begriff, der ohne Erklärung oder Kontext missverstanden werden kann. Im ökonomischen Sinn geht es um Kaufkraftverlust bei Geldhaltung. Im deutschen Alltag meinen viele die kalte Progression, also eine schleichende Mehrbelastung durch das Zusammenspiel aus Inflation und progressivem Tarif. Wer über eine Ausgleichsforderung spricht, sollte zuerst klären, welches Problem gelöst werden soll: kurzfristige Entlastung über eine Prämie oder struktureller Steuerausgleich über Tarif und Freibeträge.
